Interview mit Prof. Dr. Peter Post, Corporate Technology Advisor bei Festo, Mitglied des Wissenschaftsrats der Bundesrepublik Deutschland und stellvertretender Vorsitzender bei LNI 4.0

Welche Erfahrungen können Sie aus Ihrer fast dreijährigen Mitgliedschaft in der Wissenschaftlichen Kommission bei LNI 4.0 einbringen?

 Die wichtigste Aufgabe des Wissenschaftsrats ist es, die Bundesregierung und die Regierungen der Länder in zahlreichen Fragen zu verschiedenen Themen der inhaltlichen und strukturellen Entwicklung der Forschung, Wissenschaft und auch der Hochschulen zu beraten. Es werden Empfehlungen zu Entwicklungen in diesen Bereichen gegeben und so ein Teil zur Unterstützung und Sicherung der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Institutionen im internationalen Vergleich beigetragen. So wird z.B. aktuell ein Positionspapier zur Anwendungsorientierung in der Forschung erarbeitet, welches in Kürze veröffentlicht werden soll. Während dieser drei Jahre konnte ich viele besonders aktuelle Entwicklungen im Bereich Hochschulen, Wissenschaft und Forschung beobachten und verfolgen. Diese wichtigen Fortschritte kann ich als Impulse zur Weiterentwicklung bei Labs Network Industrie 4.0 mitbringen. Der Verein, die Use Case und Testbeds wachsen und entwickeln sich stetig weiter, um KMU die bestmögliche Unterstützung auf dem Weg in die Digitalisierung zu geben.

 

Welchen Herausforderungen muss sich der Verein Labs Network Industrie 4.0 in den kommenden Jahren stellen?

 Vielen Unternehmen im deutschen Mittelstand ist die Bedeutung der Digitalisierung, die in Zukunft weiterhin zunehmen wird, nach wie vor nicht klar. Hinsichtlich konkreter Umsetzungen haben viele Verantwortliche insbesondere in KMU noch große Unsicherheiten in Bezug auf die Implementierung digitaler Lösungen in ihren Unternehmen. Hier müssen wir durch praktische Lösungsansätze Hilfestellungen anbieten, die überzeugend sind und auch gerne angenommen werden. Das ist eine Herausforderung, die in den nächsten Jahren immer wieder neu angegangen werden muss. Wir wollen zukünftig noch deutlich mehr Unternehmen unterreichen und eine wichtige Stütze auf dem Weg zum digitalen Wandel sein. Das Leitbild Industrie 4.0 muss in die Praxis überführt werden.

 

Wie kann der deutsche Mittelstand diesen digitalen Wandel für sich nutzen?

 Es gibt für unzählige Problemstellungen in der Industrie inzwischen technische Lösungen, oft unterstützt von IoT oder KI, die vor allem in der Fertigung, Logistik und Ausbildung die Arbeitsabläufe erleichtern und verbessern können. Unsere Use Cases weisen eine große Bandbreite auf, die eine digitale Unterstützung bieten, um Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen herbeizuführen. In der engen Zusammenarbeit von unseren Mitgliedern, Forschungseinrichtungen und Unternehmen können maßgeschneiderte Lösungen gefunden werden. Mit diesen Lösungen kann der deutsche Mittelstand den digitalen Wandel nutzen, um weiterhin wettbewerbs- und konkurrenzfähig im internationalen Vergleich zu bleiben, effizienter und kostensparend zu arbeiten und gleichzeitig Arbeitsplätze sichern.

 

Wie sollte die Bundesregierung die Digitalisierung der KMU unterstützen?

 Eine gute Möglichkeit wäre die Digitalisierung bereits im Schulwesen zu fördern. So können Nachwuchskräfte bereits früh mit technologischem Grundwissen ausgestattet werden. Dafür braucht es allerdings deutlich mehr geschulte Lehrkräfte, die mithilfe von regelmäßigen Weiterbildungen gut über technologische Entwicklung informiert sind und genügend Zeit haben, diese auch an ihre Schüler zu vermitteln. Um das möglich zu machen, müssen Bund, Länder, Unternehmen und alle Formen der Bildungsinstitutionen zusammenarbeiten. Diese Bildung sollte unabhängig vom Schul-, Hochschul- oder Ausbildungstyp überall zur Grundausstattung gehören.

Wichtig für die Digitalisierung in Deutschland ist weiterhin der zügige Ausbau der Gigabit-Infrastruktur, die flächendeckend und anwendungsorientiert vorhanden sein muss. Derzeit geht dieser zu langsam voran und hindert so die Einführung und Nutzung von modernen Technologien, beispielsweise im Cloud-Bereich. Hier muss in den nächsten Jahren viel getan werden, um nicht den internationalen Anschluss zu verlieren. Für eine erfolgreiche Umsetzung von Industrie 4.0 müssen alle Beteiligten – ob in der Regierung, Forschung, in den Betrieben und in Vereinen wie LNI – gemeinsam handeln.